Freitag, 14. Januar 2011

Vorsätzliche Vorsätze

Gute Vorsätze sind gut, deshalb heißen sie ja auch GUTE Vorsätze. Ich glaube, schlechte Vorsätze gibt es in diesem Zusammenhang nicht, aber vielleicht kann mich jemand eines Besseren belehren. Zumindest ist mir da nichts bekannt. Punkt! Interessanterweise gibt es diese Tradition der guten Vorsätze seit Ewigkeiten um den Jahreswechsel herum. Ich hab' mich immer gefragt, warum sich erst die letzten Zahlen eines Datums ändern müssen, bevor Leute sich vornehmen, aufzuhören scheiße zu sein.
Unter Vorsatz versteht man in der Psychologie eine Absicht, in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Die meisten Leuten, die ich kenne – mich inbegriffen –, verstehen unter Vorsatz ein „Kannmanmalmachenvielleichtwennspasst“. Es ist eine Art grobes Ziel mit anvisiertem Anfangspunkt, allerdings ohne große Hoffnung, dass man es wirklich macht. Es ist so eine Art Vorsatz zum Vorsatz. Bei dieser Art des Selbstbetruges ist das Timing von entscheidender Bedeutung. Man sucht sich einen Tag für den Beginn, einen besonderen Tag, zum Beispiel Montag oder den Neujahrstag – also einen Zeitpunkt, der in sich schon für einen Neuanfang steht. Und wenn man das dann verbockt, muss man entweder eine Woche oder ein ganzes Jahr warten, um wieder einzusteigen.
Ganz oben in diesen Murmeltiertagslisten – so glaube ich – stehen bei vielen, mit dem Rauchen aufzuhören und weniger Alkohol zu trinken – also Dinge, die einem ein schlechtes Gewissen machen, weil man weiß, dass sie nicht gut für einen sind, die man aber trotzdem macht, weil man auch mal Fünfe grade sein lassen muss. Der Mensch – der Trottel.
Jedes Jahr, wenn man beim Bleigießen seinen silbrigen Klumpen mal wieder als tumorisiertes Gehirn oder metastasische Leber gedeutet hat, fängt man an, seine neuen alten Ziele zu formulieren. Reumütig blickt man in den von Silvesterraketen erleuchteten Nachthimmel und murmelt gebetsmühlenartig seine Vorsätze ins Weltall. Man schreibt sich mit krakeliger Handschrift einen kleinen Zettel oder – wenn man total modern ist – postet es direkt bei Facebook. Facebook ist in diesem Zusammenhang ganz praktisch, denn sollte die Mutter aller Social-Network-Plattformen auch nächstes Jahr noch angesagt sein, kann man seinen Vorsatzzettel ja direkt copypasten.
Ich habe mal verschiedene Zettel mit Vorsätzen angefangen – mal so meine eigenen, und dann hab ich mir noch vorgestellt, was andere wohl darauf stehen haben.

Spax: Diese Kolumne nicht immer auf den letzten Drücker schreiben – mehr vegetarisch essen – weniger Sneakers kaufen – mehr Sneakers kaufen – weniger Cola trinken – mehr Wasser trinken – öfter zu Mama und Papa – besseres Zeitmanagement – Herr der Ringe 1–3, Rocky 1–6 und Star Wars 1–6 noch mal gucken – öfter in den Zoo – mehr Fahrrad fahren – das Mobiltelefon weniger oft in der Nähe der Geschlechtsteile tragen – mehr Sushi – weniger Thunfisch – diplomatischer sein – öfter Business as usual – weniger Facebook – mehr echtes soziales Netzwerk mit Anfassen und so – öfter Arte+7 – mehr Briefe schreiben – weniger Geburtstage vergessen – mehr lLeben – einen Affen streicheln – weniger X-Box spielen – mehr GP sammeln – öfter Software-Updates machen – öfter Time-Machine-Backup machen – noch mehr lachen – Stromberg gucken – mehr Urlaub – unbedingt Keller aufräumen – Comics sortieren – öfter die Wollmäuse aufsammeln – öfter das Parkett saugen – mehr lesen – auch mal selber kochen – weniger ärgern – ein noch besseres Vorbild für alle Menschen sein – mehr Serien gucken – weniger Fernsehen – mal wieder „Wetten, dass ...“ gucken, NOT! – die Bahn öfter bescheißen – mehr um die Haare kümmern – mehr Rap hören – jeden Tag eine gute Tat tun – mehr Zeit für die Familie – Schuhe putzen – öfter durch die Eilenriede joggen – endlich mein Album fertigmachen – mehr live spielen – auf Tour gehen ... usw.
Deutsche Bahn: Sich nicht immer von den Jahreszeiten überraschen lassen – nicht nur über Service reden, sondern auch welchen haben – nicht so viele Strecken vom Netz nehmen – hübschere ZugbegleiterInnen – kostenloses W-Lan im Zug usw.
US-Diplomaten: Sich mehr Zeit für die Depeschen nehmen – diplomatischer ausdrücken – auch mal jemandem ins Gesicht sagen, dass man ihn scheiße findet.
Westerwelle: Nicht immer vergessen, die Flugmeilen aufschreiben zu lassen.
E-Plus: Kundenfreundlichkeit, Tarife, Service – sich bei Herrn Szulc entschuldigen.

… so, das war's erstmal. Ich muss jetzt gleich zum Flughafen und meine Maschine nach Deutschland kriegen. Bis zum nächsten Jahr und bis dahin alles Gute, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in 2011 rein.

Freitag, 17. Dezember 2010

Wohlfühlen, Wendand, Weihnachtsbäckerei

Ich verfluche den Tag, an dem mein Körper beschloss, jegliche Fettverbrennung einzustellen und es stattdessen in meiner Körpermitte abzulagern. Ich nenne diesen heiklen Bereich nicht ohne Ironie „mein Wendland“. Er ist nur eine Zwischenlösung – KEIN Endlager. Jeder, der mich kennt, weiß, das ist hier jammern auf hohem Niveau, denn man kann nicht grade behaupten, ich sei übergewichtig oder Blobb-artig, nur früher lag mein Körperfettanteil bei minus 25 Prozent. Ich sah aus wie ein mit Butterbrotpapier überzogenes Holzgerüst, deshalb hat ein Freund von mir auch gerne behauptet, man könne mich mit einem Teelicht röntgen.
Die Wende kam, als ich ohne Eintritt zu zahlen auf Ü30-Partys gehen konnte. Mein Körper fing an, seine Jugendlichkeit über Bord zu werfen und erwachsen zu werden – er wollte sogar Karriere machen und fing an zu expandieren. Früher hatte ich Tischtennis gespielt, Badminton-Federbälle geschmettert und Bruce Lee kopiert, jetzt schleppe ich meinen Hautsack pfeifend in den dritten Stock. Sieht man das V als Optimum für eine Form des Oberkörpers, dann bin ich jetzt bei der Form des Weihnachtsbaums angekommen – vielleicht noch nicht physisch, aber psychisch bestimmt. Ich habe schlicht und einfach vergessen, Sport zu machen.
Ich bin Mitglied in einem Fitness-Studio und zahlte die vergangenen zwölf Monate meinen Mitgliedsbeitrag, ohne überhaupt hinzugehen. Schlau, nicht wahr!? Im Gegensatz zu den Zehntausenden Muckibudenmitgliedern, denen es genauso geht, bekämpfe ich den inneren Schweinehund mit einer mentalen 44er Magnum, aber das Biest ist zäh. Ein Großteil meines Trainings besteht daraus, zusammen mit meiner Frau Fitness-Funktionskleidung bei Tchibo auszusuchen, und der andere Teil besteht aus Überwindung und Selbstmotivation. Auf mein Gewicht und mein Körpergefühl hat es bisher leider keine Auswirkung.
Ich stehe zu Hause, packe mein Zeug – ich würde lieber auf der Couch liegen – ich versuche, das Gefühl zu visualisieren, das ich nach dem Sport habe. Ich überwinde mich. Ich betrete das Studio, man begrüßt mich mit Handschlag – erkundigt sich nach den letzten Monaten und wir diskutieren in Sekundenbruchteilen die Lage der Nation. Ich ziehe mich um, fühle mich sportlich und steige auf das Laufband, fühle mich fit, großartig und denke, dass ich doch eigentlich noch ganz gut in Schuss bin. Leider hält dieses Glücksgefühl kürzer an als der längste Orgasmus, den ich je hatte, dann schlägt die Realität einen abscheulichen Haken auf meine Leber und raubt mir die Luft zum Atmen. Life is a bitch! Die Zeit auf so einem Laufband hat die Angewohnheit, sich Zeit zu lassen. Die zehn Minuten Aufwärmphase ziehen sich wie eine Folge Großstadtrevier. Richtig demütigend wird es, wenn man dann zum ersten Mal wieder an die Gewichte geht. So muss sich Superman auf Kryptonit fühlen. Wenn die Muskeln Trauer tragen ... mein Körper weint, jede einzelne Faser brennt wie ein Hochofen. Hätte ich Schwarzeneggers 1980er Muskeln, würde ich mich wie ein Ganzgott fühlen. Momentan kriege ich allerdings beim Duschen die Arme zum Haare waschen nicht mehr über den Kopf. Ich bin nicht Generation X, ich bin Degeneration JETZT.
Die Weihnachtszeit steht vor der Tür. Draußen ist es dunkel und kalt, die Menschen schmiegen sich an die Heizung und es wird wieder gebacken. Neue Castoren für mein Wendland. Ich habe das Gefühl, mein Leben besteht aus Ausnahmen. Dieses typische „Ach komm, nur heute!“ oder „Das hab' ich mir verdient!“ und so weiter. Alles, was man sich selbst eben so sagt, um seine Undiszipliniertheit vor sich selbst zu rechtfertigen. Unsere Leben sind auf Selbstbetrug gebaut, und genau wie Venedig laufen wir Gefahr, mit der nächsten Flut verschluckt zu werden.
Es bleiben ja noch die guten Vorsätze für das nächste Jahr, aber bis dahin heißt es Zähne zusammenbeißen und nicht den Christstollen dazwischen kommen lassen. Vielleicht auch mal keine Cola zum Frühstück und Finger weg vom Frittenfett. Sport ist kein Angstgegner, und man muss auch nicht unbedingt einen Fitness-Tempel besuchen, um seinem Körper ein wenig Bewegung anzutun. Ich bin mir sicher, er wird es uns danken, denn nicht jeder von uns ist resistent gegen Umweltgifte wie Helmut Schmidt.
Ich verbleibe mit den Worten Xavier Naidoos: „Dieser Weg wird kein leichter sein!“. Sollte es dennoch alles schiefgehen, trete ich persönlich dafür ein, ein neues Schönheitsideal zu etablieren. Germanys next Top-Moppel.
Ich fahr jetzt mal ins Level-Up. Ach ja, ich wüsste gerne eure guten Vorsätze für 2011 – schickt mir doch mal eine Mail an spax@spax-hiphop.de. Ich freu mich.

Dienstag, 16. November 2010

Professor Simon Wright

Das Gehirn ist ein wahres Wunderwerk – also, bei den meisten Leuten, die ich kenne zumindest. Allerdings kenne ich so einige Kandidaten, bei denen ist das Gehirn eher eine ABM-Maßnahme für fleißige Trümmerfrauen. Ich kenne Leute, bei denen sollte mal eine auf das Hirn spezialisierte Tine Wittler vorbeischauen, um das Broca-Areal neu zu dekorieren, ein bisschen die Zellen rücken, ein, zwei Synapsen neu verdrahten, vielleicht mal die Scheitellappen neu kämmen und gerne mal Wernickes Bereich durchfegen. Was nämlich so mancher Mensch aus der Cerebral-Cortex-Hüfte schießt, lässt vermuten, er sei der direkte Nachfahre eines präkambrischen Nadelholzes.
Das Gehirn macht uns aus, also eigentlich könnte man uns fast auf das Hirn reduzieren. Gut, so eine Hirnmasse hat keinen geilen Arsch oder tolle Titten (oder statt Arsch Popo) – ist also nicht gerade der Hingucker, und selbst mit Krawatte wirken so zwei Pfund Hirnmasse unappetitlich. Zudem ist es ja so: Vieles, was das Gehirn kann, wären einfach überflüssige Features. Wozu ein Sprachzentrum, wenn man keinen Mund hat, oder wozu eine Hypophyse ohne endokrines System. Das Gehirn ist eine Schaltzentrale, relativ spartanisch eingerichtet, aber dennoch hocheffizient. Es funktioniert 24 Stunden, 363 Tage des Jahres (ausgenommen Silvester und Oktoberfest) – und das durchschnittlich 75 Jahre lang. Das Gehirn ist in Sachen Leistung, Wartung und Tuning der Mercedes Benz unter den Evolutionserfindungen. Wir können also stolz sein, auf unser – ich sag jetzt mal – Lieblingsorgan.
Uns Menschen hat Gott ja – im Normalfall – reichlich beschenkt mit Windungen und grauen Zellen, wobei ich mich des Öfteren frage, ob uns das eigentlich so viel bringt. Wir sehen uns gerne als die Krone der Schöpfung, sind stolz auf unsere Errungenschaften und werden nicht müde, es immer und immer wieder in die Welt zu posaunen – wie ich es ja anfangs bereits getan habe. Doch egal wie sehr wir es uns auch einreden, es abfeiern und demnächst vielleicht sogar einen Feiertag für unser grandioses Gehirn einrichten, unsere Handlungen sind nicht immer von Intelligenz und Logik geprägt. Beispiel Rauchen: Ein Tier würde instinktiv die Zigarette fallen lassen, weil sein Körper ihm durch Würgen und Husten signalisiert – DAS IST NICHT GUT DICH! Der so hoch entwickelte Mensch schafft es dann, per Macht seiner Gedanken alle Firewalls (witzig, ’ne – also wegen Feuer und so …) seines Körpers zu umgehen und denkt sich: noch drei bis vier Züge, dann schmeckt es, wohl wissend, dass Rauchen NICHT gut für ihn ist. Anderes Beispiel: Es gibt Menschen, die hören auf Seehofer oder Sarrazin, obwohl sie wissen, dass so mancher Bereich derer Gehirne offensichtlich an die Inneneinrichtung des Führerbunkers erinnert.
Also, was ist so toll an unserem überlegenen Gehirn? Es macht durchschnittlich zwei Prozent der Körpermasse aus. Es verarbeitet mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 Millionen Bits Informationen – oder um in unserer Sprache zu sprechen: es downloaded mit mehrfacher DSL-Geschwindigkeit Informationen und Eindrücke, die wir durch unsere Sinne googlen. Im Gehirn selbst werden dann diese Daten in unser hirneigenes Brainbook geladen (Freunde kommen, Freunde gehen) oder laufen Schleife in unserem BrainTube.
Die Faszination Gehirn – unser tragbares Weltall, unsere portable Tiefsee, unser Wireless-MacBrain – ist, wie man sieht, nicht unbegründet. In den RICHTIGEN Köpfen kann das schon richtig viel. Unterm Strich ist es ein wunderbares Werkzeug, um fantastische Ideen zu entwickeln und unsere Gesellschaft zu bereichern. Was der Einzelne daraus macht, ist eine andere Sache. Bildung und Ausbildung sind die wesentlichen Wege, unser Gehirn zu trainieren und fit zu machen. Damit wir irgendwann nach der Pubertät mehr hinkriegen als Sangria-Tetrapaks aufzuschrauben und einhändig Joints zu drehen. Das Gehirn braucht Input – Futter, aber auch genügend Zeit zum Verarbeiten. Dauerfernsehen ersetzt kein Buch und SMS schreiben kein persönliches Telefonat. Wer sich weiterentwickeln will, sollte nicht wie ein menschlicher Quastenflosser auf der Couch vor sich hinevolutionieren, sondern das Schicksal in seine eigenen Rezeptoren nehmen.  

Freitag, 29. Oktober 2010

Hulk

An manchen Tagen wünsche ich mir, ich hätte eine Überdosis Gammastrahlen abgekriegt. Provokation würde nicht an mir vorbeiziehen oder sich den Weg durch meine Eingeweide fressen, sondern sie würden ein mehr oder minder entspanntes Ventil in einem explosivem Ausbruch finden. Das Blau meiner Augen würde einem Giftgrün weichen und in Sekunden würde mein sonst hervorragend funktionierendes Sprachzentrum nur noch rudimentäre Wortfetzen hervorbringen. Wer einmal den Hulk in Aktion gesehen hat, weiß: Den reizt man nicht.
Als Kind lernt man, dass man seine Gefühle unter Kontrolle haben soll – „ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ ( Wer sagt das eigentlich? Die Jungs, die den Indianer-Genozid gestartet haben?) oder auch gerne mal „das ist doch gar nicht schlimm!“ Wir kriegen also beigebracht, dass das, was wir empfinden, nicht richtig ist und dass andere Menschen viel eher dazu prädestiniert sind zu wissen, was wir fühlen. In dieser Zeit lernen wir auch, dass wenn der Björn einem die Bauklötze wegnimmt, man dem Björn einfach mal ein bis zwei Bauklötze über den Schädel ziehen muss, damit der lernt, dass er das lassen soll. Allerdings gibt es dann Schimpfe von den Eltern. Wir werden erzogen wie die Vulkanier, aber Emotionen haben mehr Factetten als das Auge einer Libelle, und wenn so eine Libelle einen kassiert, da hilft kein Steak – da muss schon die ganze Kuh her. Will sagen – was man da am Anfang kaputt macht, kann man später nicht so einfach reparieren.

Mein Vater mag Charles Bronson. „Ein Mann sieht Rot“,“Das Weiße im Auge“ – da geht es um Selbstjustiz und – so sehe ich das - dem Überwinden der Hilflosigkeit. Da geht es darum, sich nicht alles gefallen zu lassen. Ich merke, ich habe viel von meinem Vater. Die Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft sind es gewohnt, sich unterzuordnen. Man lebt mit der Angst, dass der übergeordnete Vorgesetzte Macht über einen besitzt, dass er unser Schicksal bestimmt. Widerworte und Kritik sind berufliches Harakiri, und grade deshalb ist die „Duck and Cover“-Haltung eine sehr beliebte. So werden Büroangstellte zu Chamäleons, die mit ihrer Umgebung zu verschmelzen scheinen. Die biedersten, steifsten Menschen sind meistens die größten Wendehälse – ein Paradox in sich, denn um seinen Hals zu wenden bedarf es einer gewissen Flexibilität.
Aber zurück zum Hulk, unserem grünen Monster, nicht zu verwechseln mit Herrn Hogan. Wer den Hulk kennt, weiß, dass sein Alterego Bruce Banner ein Mann ist, der sich seiner „Schwäche“, seiner Zerstörungswut bewusst ist. Aus diesem Grund befindet er sich permanent auf der Flucht vor den Leuten, die ihn jagen, die ihn provozieren. Aber eigentlich befindet er sich auf der Flucht vor sich selbst. Er steht nicht zu sich und seinem Potenzial – er geht in die Defensive.
Wenn ich sage, ich wäre gerne manchmal der Hulk, dann meine ich seine Unbeherrschtheit in Kombination mit seiner ungeheuren Kraft. Den Hulk fuckt man nicht ab. Dem Hulk serviert man kein kaltes Essen, dem Hulk kommt man nicht dumm in der E-Plus Hotline, dem Hulk verkauft man keinen schlecht funktionierenden Mobilstick, und man berät ihn auch nicht schlecht. Und warum? Weil der Hulk dann nämlich das Interieur zerlegt, und sollte das scheiß Callcenter im Ruhrgebiet stehen, dann springt er da hin, da drauf, und wenn er richtig mies drauf ist, dann macht er das ganze Ruhrgebiet platt. DESHALB wäre ich manchmal gerne der Hulk. Aber weil ich eben nicht Hulk bin, gucke ich gerne „Stirb langsam 1“ oder „96 Stunden“. Ich selbst muss mich ja den Gegebenheiten anpassen, den gesellschaftlichen sowie meinen körperlichen. Mein Arrangement mit mir selbst sieht folgendermaßen aus: Keine Gewalt, aber auch keinen verbalen Konflikt vermeiden – zum Verbal-Hulk werden sozusagen. Situation sei mein Coach und meine Couch. Klappt ganz gut, aber manchmal, ja, manchmal flüstere ich ganz leise: Bruce Willis, Bruce Banner – ich vermisse euch!

Montag, 20. September 2010

Die winkende Katze

Die winkende Katze

Ich habe versucht ein Huhn zu blenden – ganz klassisch – mit einem glühenden Schwert wie im Kurier des Zaren. Mich hat interessiert, ob es wirklich ein Korn findet. Darauf gekommen bin ich, als ich darüber nachdachte, ob Glück eigentlich Zufall ist oder eine Art Gabe.
Gustav Gans scheint eine Gabe zu besitzen, während Forrest Gump eher der Zufallstyp ist. Was ist also dieses Glück, das man auf so unterschiedliche Art haben kann? Welcher Typ ist das Huhn?
Wie uneindeutig und realtiv Glück ist, beschreibt am besten der alte Witz: Sind Zwei Männer vom Hochhaus gefallen – einer hatte Glück, er ist auf der Hälfte mit einem Auge an einem Nagel hängen geblieben. Ist das schon das viel beschworene Glück im Unglück oder ist das eher die „größeres Unglück im Unglück“-Variante? Unter welche Kategorie fallen ein Lottogewinn oder eine ungewollte Schwangerschaft?
Halten wir also fest, es gibt verschiedene Arten von Glück. Glück empfinden – zum Beispiel Frau gefunden, Heirat, Geburt, neue Nikes oder leckeres Essen – und dann gibt es noch die „Glückgehabt“-Situation – zum Beispiel der Himmel ist einem noch nicht auf den Kopf gefallen, die limited Nikes waren noch nicht ausverkauft, nur ein Arm ab und so weiter...
In beiden Fällen jedoch bedeutet Glück ein in gewisser Weise euphorisches Gefühl. Eine Sitaution wendet sich zum Guten oder eben nicht zum richtigen Armageddon.
Die Suche nach dem Glück ist so alt wie die Menschheit und vielleicht sogar noch älter. Ich könnte mir vorstellen, dass Gott nachdem er alles zusammengeknetet hatte eine Art Glück empfand. Vielleicht das Glück eines Modellbau-Fanatikers, der eine neue Teilstrecke fertig gekriegt hat.
Das Streben nach Glück ist unser Antrieb, Unglück oder unglücklich zu sein ist für die meisten – EMOS ausgenommen – ein nicht erstrebenswerter Zustand. Wobei man mal in den Raum werfen könnte, dass ewiges Glück irgendwie auch überbewertet wird – ich meine, wo ist da der Kontrast? Ohne Sonne keinen Schatten, und die wirklich miesen Tage lassen uns doch die guten genießen. Seit ich Vater geworden bin fällt mir immer mehr auf, wie versessen ich darauf bin, mein Kind glücklich lachen zu sehen. Ich tue alles, um dieses Gefühl bei dem Kleinen auszulösen. Sollte er mal zwischendurch neutral oder eher traurig, melancholisch gucken, starte ich gleich verschiedene Versuche, den „Normalzustand“ wiederherzustellen. Aber ist der Normalzustand eines Kindes oder eines Erwachsenen dauerhafter Endorphinausstoß? Sollte ich meinem Kleinen nicht auch mal eine „andere“ Laune zugestehen, ohne es gleich persönlich zu nehmen oder schon mal nach einem Psychiater zu googlen? Forme ich mein Kind damit bewusst unbewusst zu einer Grinsekatze, die denkt, sie müsse immer gute Laune habe, auch wenn es nicht so ist, nur um mich nicht zu enttäuschen?
Drogen bescheren ja vielen Partygängern ein temporäres Glücksgefühl, und auch in einigen Familien sind die bunten Glückspillen gern gesehene Gäste. Wenn ich so recht darüber nachdenke, so ist die Depression auch mein größter Angstgegner. Ich selbst sehe mich eher als Frohnatur, und die Vorstellung, dauerhaft geknickt zu sein, ist furchtbar. Die schlechte Laune, die Traurigkeit schwebt wie ein Damokles-Schwert über den Köpfen der Gesellschaft, und im Stress des Alltags oder durch die schönen bunten Bildern aus der Werbung vergessen wir zu oft die inneren Stimmen. Alle Menschen sehen gut aus und sind gesund und vital – außer denen aus den RTL-Reality-Dokus. Meine Frau hat recht wenn sie sagt, dass man nicht andauernd strahlend durch die Welt zieht. Sie sagt immer, ich solle es mal akzeptieren. Recht hat sie!
Ein Kollege sagt immer: Glück ist Geschick! Ich denke er meint damit, dass man sein Schicksal ein wenig mitbestimmen kann. Ein bisschen Disziplin, ein wenig Arbeitseifer und vor allem: den richtigen Blickwinkel. Yoda hat uns 1980 bereits erklärt, wie einfach die Dunkle Seite zu erreichen ist. Wer sich ständig darauf konzentriert, zu sehen, wie schlecht die Welt ist, wird seine schlechte Welt maßgeblich mitbestimmen, und zwar zum Negativen. Das wahre Glück liegt verborgen hinter einem Haufen Lügen, Klischees und Marketing-Kampagnen. Glück ist Einstellungssache. Die Frage bleibt: Warum hat dieser bescheuerte Timm Thaler sein Lachen verkauft? War doch klar, dass das eine doofe Idee ist. Ich lass die Katze winken!

Mittwoch, 1. September 2010

Die Deutsche Bahn - a never ending story

Friedlich ziehen sich die Gleise wie kleine Striche schier endlos bis zum Horizont – als hätte eine freundliche alte Dame zwei Wollknäuels für ihre Katze in Richtung Sonne gerollt. Am Fenster zieht die Landschaft vorbei und immer, wenn man an einem Signal-Mast vorbei rauscht, hat man das Gefühl, dass die Welt ein Daumenkino ist. Das gleichförmige Rumpeln wirkt beruhigend. Die Reise als Urlaub – die Fahrt mit der Bahn als spirituelles Ereignis – den Kopf befreiend – die Laune hebend. Praktikabel, aber dennoch nicht seelenlos. Man sinkt in den watteweichen Sitz, schließt die Augen und lässt die Gedanken treiben. Langsam verlässt man diese Welt, um sich in Morpheus Armen wiegen zu lassen. Hier, abgeschottet in einem Kokon aus Kunststoff und Stahl, ist die Welt eine bessere. Hier gibt es nur gut aussehende, entspannte und freundliche Menschen, deren Lebenssinn darin zu bestehen scheint, nur für mich da zu sein und für meine Bedürfnisse.

DAS ist, was uns das Marketing der Deutschen Bahn versucht in unseren zerebralen Kortex zu implantieren. Die Realität hingegen sieht leider anders aus. Sie ist düster – feindlich und ein wenig spooky wie die verlassene Neverland-Ranch. Die Bahn ist ein Paradies, aus dem Adam und Eva durch einen Tunnel geflohen sind. Jeder, der sich jemals einer Karawane Bahnreisender angeschlossen hat, weiß, dass es notwendig ist, genügend Flüssigkeit mit zu nehmen denn – Deutschland und ganz besonders DIE Deutsche Bahn ist eine Service-Wüste. Jeder Zugbegleiter ist ein Skorpion, jederzeit bereit seinen giftigen Stachel in unsere Körper zu stoßen.
Ich habe von japanischen Zugführern gelesen, die Sepukku begangen haben, weil ihre Züge Verspätung hatten – wenn sich dieses Konzept hier durchgesetzt hätte, dann wären so ziemlich alle Strecken in Deutschland stillgelegt und die Transnet aufgelöst. Vor meinem geistigen Auge seh’ ich mich auf einer tiefer gelegten Draisine mit einem 1-Euro-Jobber als Schaffner schwitzend in den Sonnenuntergang pumpen.
Zugführer und Zugbegleiter waren lange Zeit wirklich ehrbare Berufe. Die Verantwortung der Menschenbeförderung ließ sie mit stolz geschwellter Brust durch die Welt schreiten und sich den Schnurrbart zwirbeln. Die Verbeamtung als schwebenden Gang durch das goldene Tor des Himmels in den Schoß der staatlich abgesicherten Vollversorgung. Sie waren Kapitäne der Neuzeit – Kapitäne des Festlandes. My home is my castle – mein Zug ist mein Phallus. Das Monopol der Bahn war und ist das Lebenselixier ihrer Parallelwelt – ein – so wirkt es auf jeden Bahnkunden – rechtsfreier Raum. Hier sind sie Charles „Motherfucking“ Bronson – DAS GESETZ und wir sind nur wilde Rothäute die von der Technik des weißen Mannes nichts verstehen.
Das stählerne Ross ist kaum zu bremsen – hin und wieder hält es an, um sich den Magen mit Reisebedürftigen voll zu schlagen – menschlicher Hafer für die Bestie. Wir Menschen haben die Möglichkeit zuzusteigen. Monk oder der Hase aus Alice im Wunderland würden Amok laufen, denn gefühlte 98% aller Bahnen kommen einfach zu spät. Interessant eigentlich, denn in meiner Welt fahren ja Bahnen auf fest installierten Schienen und ich sag mal – spontanes Abbiegen ist da nicht so populär. Ich meine – so viele Verspätungen wie es tagtäglich gibt – so viele Leute können gar nicht vor die Züge springen, ohne dass die BRD bald menschenleer wäre. Auch interessant ist der gerne benutzte Terminus „Böschungsbrand“. Ich sag mal – würde mein Garten kurzzeitig mit Napalm bombardiert werden, dann würde ich auch aufhören den Rasen zu mähen. Aber was macht so ein Böschungsbrand? Welche unglaublichen, sonnenoberflächengleichen Temperaturen entwickelt Gestrüpp, wenn es damit sogar die weiße Schlange stoppen kann? Die Bahn und die Börse passen eigentlich ganz gut zusammen – beide sind nie um eine Ausrede verlegen, mag sich auch noch so hanebüchen sein.
Ich bin kein Pendler. Das macht mich wahrscheinlich zum glücklichsten Menschen der Welt. Ich war temporär Pendler. Für einen Monat durfte ich den Luxus der DB genießen und täglich von Hannover nach Hamburg fahren. Es ist bequem. Es ist entspannter als Auto fahren auf der A7 - ABER MAN IST UNPÜNKTLICH! JEDEN TAG! Was da los?
Erlebnisbericht:
Es ist jetzt schon etliche Jahre her, aber ein Erlebnis veränderte meine Einstellung zur DB von Grund auf. Bis zu dieser Erfahrung war ich ein mehr oder minder verständnisvoller Bahnfahrer, der gerne mal ein Auge zudrückte, wenn es zu – sagen wir – Schwierigkeiten im Bahnverkehr kam. Verspätungen kommentierte ich mit einem Schulterzucken und den Preis für die Fahrt mit einem Lächeln.
Dann fiel die Bahn in Ungnade und zwar so dermaßen, als hätte Eva nicht nur in den Apfel gebissen, sonder als hätte sie alle möglichen Apfel-Variationen beim Kochduell mit der hinterlistigen Fotz-Schlange ausprobiert.
Ich kam von einer Tour. Ich mache Musik und stand etwa vier Wochen so ziemlich jeden Abend auf der Bühne. Für diejenigen, die sich nicht damit auskennen, kann ich sagen, es ist sehr sehr anstrengend. Jeden Tag mindestens zwei Stunden auf der Bühne stehen alles geben – schwitzen – heiser werden – wenig schlafen – wenn schlafen, dann im Bus. Jeden Tag woanders aufwachen und sich neu orientieren. Fakt: Das geht auf die Konstitution und kann einen ganz schön plätten. Touren ist eine schöne Tortur – ein Ausnahmezustand.
Jetzt war also unsere Tour zu Ende und alle anderen fuhren im Bus Richtung Heimat. Unser letztes Konzert spielten wir im wunderschönen Franken und ich beschloss die Bahn zu nehmen, denn ich hatte einen wichtigen Termin mit meiner Plattenfirma in Hamburg und die Bahn stellte die bequemsten und schnellsten Weg da, dorthin zu gelangen. Ich hatte eine Zugreservierung, eine Bahncard und – trotz Müdigkeit – gute Laune. Ich stieg voll gepackt wie ein Maultier zur Goldgräberzeit in den Wagon und setzte mich auf meinen Platz. Der Zug fuhr los – ich schloss die Augen und entspannte mich. Nach etwa 5 Minuten hielt der Zug – dann folgte die Durchsage, der Zug habe einen Schaden – welch Überraschung – und wir müssten in einen bereits bereitgestellten Zug umsteigen. Gesagt getan – ich nahm mein Gepäck und schleppte mich in den anderen Zug. Hier waren allerdings die Platzreservierungen NICHT gültig. Überall saßen Menschen. Auf den Gängen – in den Zwischenräumen der Wagons – einfach überall. Es gab keinen freien Sitzplatz mehr. Meine Laune wurde schlechter. Der einzige Platz, an den ich mich HINSTELLEN konnte, war der Übergang zwischen Bordrestaurant und der leeren Ersten Klasse.
Nach zirka einer halben Stunde klopfte mir jemand auf die Schulter, als ich Gedankenversunken aus dem Türfenster schaute. „Guten Tag, Ihren Fahrschein bitte!“ - Ich stellte meinen Walkman leiser, griff in die Tasche und gab dem Kontrolleur mein Ticket. Danach platzierte den Walkman-Kopfhörer wieder in meinem Ohr und fiel langsam wieder in meine Apathie. Es klopfte erneut auf meiner Schulter. Ich entfernte den Kopfhörer und sagte: „Ja, bitte!?“ – der Schaffner antwortete: „Sie können hier nicht stehen bleiben, Sie haben nur ein Ticket für Klasse 2!“ Ich lächelte, zwinkerte ihm zu und im Zur-Seite-Drehen steckte ich mir den Kopfhörer wieder in mein Ohr. Es klopfte erneut. Ja, Penetranz ist Ausbildungsziel. Ich drehte mich zu ihm – das gleiche Spiel und er wiederholte seine Aufforderung an mich, den STEHPLATZ zu verlassen. Es machte brz, dann zing und dann ein chuurzzzz... für ihn unhörbar riss mein Geduldsfaden. Es war ein schmerzhafter, heller Klang, als würde der Teufelsgeiger persönlich auf einer ungestimmten Stradivari in meinem Gehirn ein Konzert nur für mich spielen – auf einer Seite.
Ich sagte: „Das ist nicht Ihr Ernst, ich STEHE im Gang – mein Zug hatte einen Schaden – hier ist meine Reservierung, die hier in diesem Zug NICHT gültig ist und Sie wollen jetzt, dass ich die nächsten vier Stunden nach Hamburg genau WO verbringe!?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber hier können Sie definitiv nicht bleiben. Sie haben nur einen Fahrschein für die 2.Wagenklasse!“ – Immer, wenn ich das Gefühl habe, mir wird irgendwie kein Respekt entgegengebracht – und ich meine nicht den Respekt der Straße, sondern den einfachen normalen zwischenmenschlichen Respekt –, dann fange ich automatisch an die Leute zu Duzen – also genau die Leute, die sehr viel Wert auf das SIE legen. Außerdem musterte mich dieser komische Mann. Er betrachtete mich von oben bis unten – starrte auf meine Camouflage-Jacke, meine Baggy-Jeans und auf meine Nike-Sneakers. Schaute verächtlich auf den iPod in meiner Hand und seine Blicke ließen mich wissen – er ist der festen Meinung, dass ich hier nichts zu suchen habe. Kleider machen Leute.
Ich mag es nicht, das ins Spiel zu bringen, aber die Klamotten, die ich zu diesem Zeitpunkt an meinem Körper trug und die, die ich zudem noch in meiner Tasche hatte, hatten mindestens den Wert seines halben Monatsgehalts. Ich weiß genau, hätte ich einen Anzug getragen, dann hätte mir der komische Mann einen Platz besorgt oder mich stehen lassen – aber ich trug keinen Anzug. Ich sagte: „Das hier ist nicht die erste Klasse oder die zweite, dass hier ist die dritte Klasse – das hier ist Viehwagon – Stehcafé – das hier ist ein Scheiß-Steh-Platz auf einem Scheiß-Castor-Container! Ich gehe nirgendwo hin! Ich bleibe genau hier stehen – keine Angst, ich gehe nicht weg, aber ich werde jetzt aufhören mit dir zu sprechen! Hol mir den Zugchef!“ Er schaute mich an, machte auf seinem Absatz kehrt und ging. Er blieb nach ca. drei Metern stehen, drehte sich zu mir um und sagte, ich solle ihm folgen. Ich – tat nichts. Als dann der Zugchef kam, drohte dieser mir mit dem Bundesgrenzschutz und allem möglichen – eine zirka 15 minütige Diskussion entbrannte. Am nächsten Bahnhof fand man dann doch einen Platz für mich, aber seit dem – ja, seit dem hab ich ein Problem mit der Bahn.

Ich meine – was ist mit „der Kunde ist König“ und mit Service? Ich habe bezahlt, aber keinen Anspruch auf das Bezahlte. Ich könnte Briefe schreiben an die Bahn und würde entweder eine Entschuldigung und einen Kaffee-Gutschein bekommen oder gar nichts. Die DB ist Gesichtslos – und Charakterlos. Hätte sie einen Charakter, dann wäre es ein schlechter – ein Al Pachino im Auftrag des Teufels Charakter – ein Agent Smith des Systems. Gegen die Bahn antreten ist wie Schattenboxen – man gewinnt nur den Kampf gegen sich selbst. Man lernt – dass es sich nicht lohnt die Hydra der Service-Hölle zu bekämpfen. Sun-Zu würde sagen, dass Aufgabe der logische Weg ist, denn Aufgabe schont die Kräfte und einen Krieg zu kämpfen, den man nicht gewinnen kann, macht keinen Sinn.
Hilflos stehen die Bahnkunden am Rand und schauen zu, wie mit ihnen gemacht wird, was sie nicht wollen. Ich stehe mitten drin – chancenlos etwas zu ändern – Wutadern dick wie Mammutbäume – Augen wie stechende Dartpfeile und angespannte Kieferknochen in der Größe einer Pellkartoffel.
Es sind nicht die Menschen, die ich meine, denn ich habe auch ganz viele wirklich coole und nette Schaffner getroffen, aber das System ist KRANK! So lange es keine Alternative gibt, solange die Bahn ihr Monopol hält und so lange wir auf die Bahn angewiesen sind, so lange wird sich nichts ändern. Die Bahn folgt dem Gesetz unserer Welt – wenn man ein Monopol besitzt, dann kann man einfach machen was man will. Mein Freund und Anwalt sagt immer: „Der Teufel kackt immer auf den dicksten Haufen!“ DAS ist Weisheit! Im Ernst – die Bahn macht Gewinne und erhöht trotzdem die Preise. DAS IST MACHT! Scheiße – Darth-Fucking-Vader und der Scheiß-Imperator hätten bei der Scheiß-Bahn arbeiten können. Beam me up, Scotty! Beam mich durch die Gegend!

games.com 2009

...und sie waren alle da. Und mit alle meine ich - ALLE! Gefühlte sechs Milliarden Menschen, plus zirka 2,5 Millionen Avatare, inklusive 1,7 Millionen schizophrene Spaltpersönlichkeiten. Die Games.com - ein Event der Superlative. Nach dem Umzug von Leipzig nach Köln wehte ein Wind des Aufbruchs durch die Marketingetagen der Software-Hersteller aller Herren Länder. Sie setzten die Segel und steuerten ihre Schiffe durch die unwegsamen Gewässer im Haifischbecken der Hardcore-Gamer, um im Auge des Orkans ihren Programmcode an den Mann zu bringen.
Mein Auftrag war ein Entertainment-Programm der Sonderklasse auf die Activision-Guitar-DJ-Hero-Bühne zu bringen. Für Stimmung sorgen – das eine oder andere Produkt zu erklären und den Wissensdurst der Besucher stillen. Und ich tat wie befohlen – a call of duty – ich salutierte und stürmte mit einem auf mein Mikrofon aufgesetztes Bajonett auf die Bühne.

Da waren sie nun, die Soldaten der Neuzeit – die Konsolen-Krieger, die Tastatur-Titanen – sie bahnten sich ihren Weg durch den Präsentations-Dschungel und bekämpften die nahende Dehydrierung mit "Energy-Drinks für 69 Cent" in 1,5-Liter-Flaschen von Lidl – pures Gift. Sie verschanzten sich am WOW- oder am Diablo Stand – nahmen wie gut ausgebildete Scharfschützen die Wartezeit von bis zu 4,5 Stunden in kauf, nur um kurz zu spielen oder – noch viel absurder – jemandem beim spielen ZUZUSCHAUEN!
Ich sah kleine Zelda-„Links“ und stämmige russische Kugelstoßerinnen als Snake aus Metal Gear Solid – ich sah alt und jung – groß und klein – und alle hatten diesen Jagdinstinkt. Ihre Augen glanzlose, stumpfe, milchglasartige Schulhofmurmeln, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatten. Haut, so schwammig und blass, als hätten sich der Marshmellowmann einer Tofu-Hauttransplantation unterzogen. Hände wie Greifwerkzeuge urzeitlicher Krustentiere – immer bereit zuzuschnappen. Augenringe von Köln bis Mordor, so unergründlich wie die Ringe des Saturns – tiefhängende Säcke, die eine wunderbare Reminiszenz an Horst „Derrick“ Tappert waren und zu guter Letzt – alle besaßen den Wortschatz eines Cro-Magnon.
„T-Shirt?“ – „Tüte?“ „haben wollen!“ - wären sie Pantoffeltiere, man würde sie bestaunen, man würde sie feiern – sezieren und untersuchen. Man würde sie auf den Thron der Evolution heben, aber es handelt sich hierbei nicht um die Kontaktaufnahme von Einzellern mit der menschlichen Spezies, es ist die Krone der Schöpfung selbst, die das Wort ergreift. Es sind die Wortbrocken ganz normaler, 14jähriger Pisastudien-Beweise – atmende Zweibeiner, ausgestattet mit einem mutierten Gamer-Daumen und einem rudimentären Sprachzentrum. Sie kamen allein oder mit Freunden oder allein mit Freunden. Manche waren angezogen wie Fabelwesen, andere schwebten schier, wie androgyne Wesen zirka zwei Zentimeter über dem Boden – trugen bunte Kontaktlinsen und Perücken. Willkommen im Wunderwald.

Mein erster Tag vor Ort war der Presse- und Händlertag. An diesem Tag kommt kein Consumer in die Halle, sondern nur die, die sich aus „rein“ geschäftlichen Gründen informieren wollen. Dieser Tag ist eigentlich immer ein wenig langweilig, weil sich die Händler von Termin zu Termin schieben ohne ein bisschen für MEINE Unterhaltung zu sorgen. Tristesse. Natürlich wird trotzdem von uns erwartet, volle Leistung zu bringen. Ich fühlte mich wie im alten Rom zur Sommerferienzeit – Brot und Spiele für das Volk, ruhig mal ein paar zerlegte Gladiatoren, aber das Kolosseum ist GÄHNEND leer – also das Volk fehlt. Keiner wollte stehen bleiben. Niemand wollte partizipieren. Eigentlich sind sie ja selber Fans, aber im Gegensatz zu den Besuchern am nächsten Tag, wollten diese hier es nicht zeigen. Das Ende des Tage glich seinem Anfang und seinem Mittelteil – es war wie Sex ohne Orgasmus – nicht schlecht – aber anstrengend und im Endeffekt unbefriedigend.

Tag Zwei. Macht hoch die Tür, die Tore macht weit ... die Barbaren standen vor den Toren und belagerten uns. Im Einzelhandel nennt man so was RUN, im Krieg würde man sagen: „Die haben uns einfach überrannt!“ Wir verbarrikadierten den Backstagebereich und flüchteten auf die Bühne. Hier standen sie, wie von einem Bannzauber gehalten – Zombie-esk – nur eine Armlänge entfernt und bereit, unseren gesamten Vorrat an Promotion-T-Shirts mitzunehmen. Entschlossenheit in ihren Blicken – der Wille zu gewinnen in ihren Augen, aber leider auch ein Mangel an Kraft in ihren Muskeln durch das viele rumsitzen vor ihren Konsolen. Sie schreien. Sie betteln. Sie versuchen zu bitten. Lautmalerei.
Heute erwarteten wir gleich zweimal hohen Besuch. Der Erste war Kool Savas – der Rapper aus Berlin mit dem kleinen Wohlstandsbäuchlein und dem unverwechselbaren – hier – Dingenskirchen. Der nächste Besuch war dann auch gleich Kontrastprogramm. Die fantastischen Vier. Also hier nur zu zweit – bzw. wenn man den Bären – ihren Manager dazu rechnet, dann zu dritt. Alle zack auf die Bühne. Im Backstage vorher viele viele Interviews gegeben und dann an die Konsole. Dafür hat sie Activision hergekarrt. Traumhaft! Sie waren dann kaum wegzukriegen die Jungs. Der Bär stand wie ein – äh – Holzbär – relativ steif – ein Steifbär – an der Gitarre oder am Bass – keine Ahnung. Der Thomas freute sich tierisch. Der Smudo saß am Schlagzeug und konzentrierte sich, Denkfalten zerfurchten seine Stirn. Das Publikum schaute gebannt zu. Wir warfen Shirts und dankten Gott für das Ende des Messetages.

Tag Drei. Halber Murmeltiertag. Ich glaube Activision hat eine komplette Baumwollplantage zu Promo-Shirts verarbeiten lassen. Die Sonnenbrillen im 80ziger-Jahre-Look kommen bei den Kids super an – sie waren ja auch nicht dabei – bei den 80zigern – meine ich. Wir machten Spiele mit den Menschen: "Schreit dies – sagt das und alle machen mit." Pavlov hätte seine Freude daran gehabt.
Nächster großer Prominenter – Tony Hawk – ja, DER Tony Hawk. Er kam, um sein neues Spiel vorzustellen. Interessanter war der dazugehörige Controller. Ein Skateboard OHNE Rollen. Wahnsinniges Ding! Blitzlichtgewitter – Fragen an Tony – Antworten von Tony – kurzes Spiel gegen einen Besucher und ZACK – weg war er. Tat gar nicht weh. Ist ein netter – der Hawk. By the Way – er hat noch eine Hammer-Nummer in der Halfpipe abgezogen. Dann: Aufruhr im Vogelpark – ne, missverständlich ausgedrückt – nochmal – jetzt Aufruhr wie auf einer Vogelfarm, wenn der Fuchs zu Besuch kommt. Teilnehmerinnen der Germany next Topmodels sollen zu uns auf die Bühne kommen. Hui! Dann kamen Larissa, Sarina, Maria und Ira - frenetischer Applaus. Gefühlte 2 Millionen Handy-Cams umschwärmten sie wie Vögel – hier wiederum hätte Hitchcock seine Freude gehabt. Auch sie mussten ran an die Konsole. Performance-mässig lag Larissa weit vorn. Sie warf sich auf den Boden, verzog das Gesicht und guckte rockig. Kurzer Talk auf der Bühne. Längerer Talk hinter der Bühne. Sarina ist genauso wie im Fernsehen. Ich find's süss. Larissa guckt gerne in den Spiegel – komischerweise nicht nur in unbeobachteten Momenten. Wenn sie zwischendurch vergisst, welche Rolle sie in der Staffel hatte, dann ist sie lustig. Maria ist gaaaaaaaaaanz gechillt – Ira ist bodenständig. Ira und ich sind jetzt Facebook-Freunde.

Tag 4. Lagerkoller. Gefangen in einer Zeitschleife. Zwischen Standparties und dem Wissen, am nächsten Tag wieder voll da sein zu müssen. Meine Stimme klang bereits wie das letzte Röcheln eines alten Blasebalgs. War noch vor zwei Tagen alles neu und interessant, so ist es jetzt einfach – anders – und zwar wie immer. Das ist wie immer McDonalds oder Miracoli. Aua!
Bestandsaufnahme: T-Shirts gingen zur Neige, Brillen waren aus. Publikum immer noch auf Kopfdisco. Auf allen anderen Bühnen passierte seit Tagen das Gleiche – ich bin stolz auf uns. Auch wenn unsere Aktionen immer sinnentleerter geworden sind, wir durchbrechen die „Zurück in die Zukunft“-Situation und sind NEU! Meine Spielerklärungen verloren ganz klar an Enthusiasmus. David Guetta kam und ich hatte keine Ahnung wer das ist, bis ich dann mal ge-you-tubed habe. Ich werde alt. Ich werde unaktuell. Am Ende des Tages war sprechen anstrengend. SEIN war anstrengend.

Fünfter und letzter Tag. Ich war drin. Das ganze Ding hat mich aufgesaugt. Das war meine Realität. Leben um zu arbeiten. Katerstimmung überall. Trauer, dass es vorbei sein wird – um 18 Uhr. Dienst nach Vorschrift. Wir hatten nichts mehr. Keine Shirts, keine Brillen, keine Aufkleber, keine Energie und keine Hoffnung.

Das war Stronghold vor den Toren Kölns. Die Soundeffekte der anderen Stände hämmerten wie die Zwerge in den Minen von Moria eine immergleiche Melodie. Der Wahnsinn kam mit leisen Schritten...und dann...ging es so plötzlich vorbei, wie es angefangen hat: Man reichte sich die Hand, klopfte sich auf die Schulter. Man bekam gesagt, dass das Publikum den Messestand als "besten Stand der Messe" bewertet hatte und man selbst – fühlte sich einfach nur unendlich müde.


Mein Resümee:
Das war eine richtig richtig gute und vor allem lustige Messe. Ich bin nach Hause und hab meine X-Box angeworfen. ICH BIN GENAUSO WIE DIE LEUTE DIE ICH BESCHRIEBEN HABE. Auch wenn es mir fern liegt, mich wie der Protagonist meines Lieblingsgames zu kleiden, so finde ich es super, dass die anderen das machen – und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, wie sich die meisten in einen Anzug quetschen um seriös zu wirken. Kleider machen Leute, und diese Leute machen die Games.com. Inklusive mir versammelt sich da ein Haufen Verrückter, um den Bits und Bytes die Ehre zu erweisen. Mit 36 noch 15 sein – wir bewegen uns zielstrebig auf die Unsterblichkeit zu. Die Games.com ist wie die Welt – manchmal dunkel, manchmal hell. Man sieht wie sich Klischees bewahrheiten und auch, wie Klischees ihre Daseinsberechtigung verlieren. Ich freue mich auf die nächste Games.com. Wir sehen uns!